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Alles Lüge - Auf der Suche nach Rio Reiser

03.02.2023 von 08:00 bis 09:00
Alles Lüge - Auf der Suche nach Rio Reiser Debüt im Ersten Drama Rio Reiser und die Band Ton Steine Scherben gaben mit ihren Liedern der deutschen Protestbewegung der 70er Jahre die Parolen, mit denen sich Widerstand gegen gesellschaftliche Unterdrückung und Sehnsucht nach dem befreiten Leben ausdrücken liessen. Alles Lüge - Auf der Suche nach Rio Reiser erinnert an den Sänger, aber auch an eine Phase der bundesdeutschen Geschichte, in der Hausbesetzungen, die Gründung von Kollektiven und die Überwindung verkrusteter Verhaltensweisen eine neue Lebensperspektive eröffnen sollten. Unterschnitten mit Konzertmitschnitten und zeitgeschichtlichen Interviews werden gesellschaftliche und persönliche Konflikte in Spielszenen lebendig. Schauspieler und Musiker Nick probt für die Rio-Reiser-Rolle in einer Theaterinszenierung des altlinken Regisseurs Heiner Caspari. In der Auseinandersetzung mit seiner Rolle als Rio, in den Kontroversen mit Caspari und in der Zusammenarbeit mit Jako, Till und Arne, die die Bandmitglieder darstellen, verschwimmen nicht nur für Nick die Grenzen zwischen Geschichte und Gegenwart. Die Situation eskaliert, als sich die Gruppe in den freiwilligen Ausnahmezustand nach Fresenhagen, ins Landhaus der Scherben, zurückzieht. Nick fühlt sich trotz seiner Liebesgeschichte mit Casparis Tochter Julia zu Jako hingezogen und empfindet diese Vermischung von Rolle und Leben gleichzeitig als Manipulation Casparis. Jako wiederum wendet sich Julia zu. Die Gruppe droht auseinanderzubrechen. Barbara Teufel hat für ihre Auseinandersetzung mit dem Idol der linken und alternativen Szene, Rio Reiser, wie bei ihrem ersten Film Die Ritterinnen die Form des Doku-Dramas gewählt. Dabei sind drei Erzählebenen verzahnt: Das dokumentarische Material bildet die authentische Zeitebene, die fiktionale Handlung teilt sich auf in das Theaterstück über Rio, das aus einzelnen, schlaglichtartigen Szenen besteht, sowie die Geschichte der Darsteller Nick, Julia, Jako und des Regisseurs Caspari, die das Stück zur Aufführung bringen wollen. Auf dieser Ebene spiegeln die Figuren Aspekte des Rio-Stücks in ihren eigenen Erfahrungen und Konflikten wie in einem Vexierspiegel verzerrt wider. Neben der Darstellung von Rios Leben geht es um die Dekonstruktion, aber genauso um die Erneuerung eines Idols, dessen Idealismus Menschen geprägt hat und immer noch inspiriert: Während die Groupies Kim und Mimi distanzlos nach seinem Vorbild leben, nimmt Regisseur Caspari eine analytische Distanz ein. Nick wiederum ist ein Kind der Postmoderne: Er lehnt das revolutionäre Pathos ab. Den abgeklärtesten Blick hat Julia: Sie entlarvt die Attitüde der Gutmenschen, übernimmt als Einzige wirklich Verantwortung für die Kinder und ähnelt Rio vielleicht am meisten, denn sie ist von Berufs wegen an dem interessiert, was am Ende der Kern von Rios Faszination ist: die Musik.